Wirtschafts-Erwartungen an künftige Bundesregierung 

Kathrein: "Politische Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft!"

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Welche Erwartungen hat die oberbayerische Wirtscahft an die neue Bundesregierung? Anton Kathrein, vbm-Vorsitzender wagt eine erste Prognose. 
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Rosenheim - Welche Aufgaben kommen nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche aus Sicht der oberbayerischen Wirtschaft auf die Politik zu? Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) wagte zusammen mit den Verbänden der Metall- und Elektroindustrie eine erste Prognose. 

"Unsere Verbände bedauern das Scheitern der Sondierungsgespräche zur Bildung einer Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grüne." Mit diesen Worten eröffnete Anton Kathrein, CEO der Kathrein Werke KG und Vorsitzender der bayme vbm Region Südost-Bayern, die Pressekonferenz der bayme vbm am Dienstagvormittag in Rosenheim. "Die politischen Ziele und Haltungen der vier Parteien lagen offenbar zu weit auseinander. Für die Wirtschaft ist diese Unsicherheit Gift." 

In erster Linie müsse sich die EU laut Kathrein neu aufstellen, da sich aktuell eine unsichere politische Lage breit mache. Außerdem stehe die Wirtschaft vor großen technischen Herausforderungen wie beispielsweise der digitalen Transformation. "Wir fordern daher alle Beteiligten auf, umgehend an einer Regierungsbildung zu arbeiten", so die klare Meinung des vbw-Vorstands. Die Chance zu ergreifen, die SPD als Verhandlungspartner und Regierungsbilder anzuwerben, sei essentiell. 

Wirtschaftliche IST-Situation

"Die wirtschaftliche Basis für die Arbeit einer künftigen Bundesregierung ist ausgesprochen gut, was zum großen Teil der Agenda 2010 geschuldet ist", fasst Anton Kathrein die aktuelle Lage der Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie im Raum Südost-Bayern zusammen. "Das Bruttoinlandsprodukt wächst ebenso wie die Steuereinnahmen, der Arbeitsmarkt entwickelt sich hervorragend." 

Mit einer Arbeitslosenquote von 2,9 Prozent in Oberbayern liege man genau im bayernweiten Schnitt, es herrsche "praktisch Vollbeschäftigung". Die Highlights in Südost-Bayern sind die Landkreise Rosenheim und Miesbach mit je 2,2 Prozent und Traunstein mit 2,5 Prozent Arbeitslosigkeit

Es gebe außerdem eine geringe Jugendarbeitslosigkeit, da weitaus mehr Ausbildungsplätze denn Bewerber zur Verfügung stehen würden. "Für mich steht fest: Hohe Beschäftigung ist die beste Sozialpolitik", machte Anton Kathrein deutlich. 

"Zukunftsthemen jetzt gestalten"

Und doch ist nicht alles Eitel Sonnenschein: "Gerade jetzt kommt es auf eine richtige Weichenstellung zwischen globalem Wettbewerbsdruck und steiger Innovationsnotwendigkeit an. Damit unser Land auch in zehn Jahren erfolgreich ist, müssen jetzt die Zukunftsthemen gestaltet werden: 

  • Arbeit und Fachkräfte, insbesondere Arbeitszeit, digitale Transformation und Arbeiskosten
  • Infrastruktur, insbesondere Breitbandausbau und Verkehrsprojete
  • Soziales
  • Energie 

"Tarifparteien müssen mit Vernunft und Augenmaß handeln!" 

Kathrein ging beim Thema Fachkräftemangel in die Tiefe: "Besonders im Technologie-Bereich ist er eine Gefahr für unseren Standort, Unternehmen müssen wegen fehlender Fachkräfte bereits heute Produktionseinschränkungen hinnehmen. In der besonders unter dem Fachkräftemangel leidende Metall- und Elektroindustrie kommen bayernweit auf eine Stelle gerade mal 0,6 Bewerber. In Oberbayern ist die Quote mit 2,3 Arbeitslose auf jede offene Stelle kaum besser", bedauerte der Vorsitzende.  

In einer solchen Situation fordere die IG Metall auch noch eine Arbeitszeitverkürzung. "Die Reduzierung einer Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden sowie ein Teillohnausgleich sind Gift für unsere Wirtschaft", prangert Anton Kathrein an. "Die Arbeitszeitverkürzungen würden sich insgesamt auf mehr als 300.000 Vollarbeitsplätze in Bayern summieren. In Zeiten des Fachkräftemangels verheerend." Eine Absenkung der Arbeitszeit von wenigstens 3,5 Stunden sei vor allem in kleinen und mittelständigen Betrieben nicht realisierbar. Dadurch entstünden "prekäre Miniarbeitsplätze", die zudem nur schwer zu besetzen wären. "In der akuten Phase der unsicheren Regierungsbildung, die wohl keine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit vorsieht, ist es umso wichtiger, dass die Tarifparteien mit Vernunft und Augenmaß handeln." 

Wenn es nach Anton Kathrein ginge, müsse die Wirtschaft dem Fachkräftemangel mit anderen Instrumenten begegnen

  • Erhöhung der Beschäftigungschancen von Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen durch intensivere Arbeitsvermittlung und gezielte Qualifikationen 
  • Hervorhebung der Bedeutung flexibler Beschäftigungsformen wie Befristungen oder Zeitarbeit 
  • Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie 
  • Konsequente Umsetzung der Rente mit 67 Jahren
  • Senkung der Abbruchquoten in den MINT-Fächern an Hochschulen
  • Verbesserung der Berufsorientierung an Schulen 
  • Gezielte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte 
Wagten einen Blick in die Zukunft der Bundesregierung: Dr. Peter Schöttl, Klaus Rutz, Anton Kathrein und Felix Kleinert (v.l.). 

"Können keine Azubis einstellen, die nicht über ein eigenes Auto verfügen!"

Ergebnisse und Prognosen, die auch die Vertreter der heimischen Firmen nachvollziehen konnten. Ihr Augenmerk legten die Geschäftsführer der Firmen dabei auf die geforderte Arbeitszeitverkürzung der IG Metall und die Fachkräfteproblematik. "Als klassisches mittelständisches Unternehmen stellt uns die Anwerbung von Fachkräften vor immer größere Herausforderungen", gab Dr. Peter Schöttl, Geschäftsführer der "Siloking Mayer Maschinenbau GmbH" in Tittmoning zu und verwies in dem Zusammenhang auch auf die schlechte Verkehrsanbindung im ländlichen Raum. "Wer weiß, wo Tittmoning liegt, kann sich vorstellen, wie schwer es ist unsere Firma zu erreichen. Wir können keine Azubis einstellen, die nicht über ein eigenes Auto verfügen. Das erschwert die Situation im Ausbildungsmarkt noch einmal." 

Felix Kleinert, Geschäftsführer der "Netzsch Pumpen & Systeme GmbH" aus Waldkraiburg sah Chancen im ländlichen Raum und verwies auf die Thematik bezahlbarer Wohnraum: "Wir haben in unserer Region einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Großstadt München. Auch wenn Wohnraum grundsätzlich knapp ist, auf dem Land leben sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden. Trotz ausbaufähiger Infrastruktur sind wir an unseren Standorten wettbewerbsfähig." 

Die 28-Stunden-Forderung stelle die Wirtschaft vor Probleme, wie Klaus Rutz, Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens "Ecolab Engineering GmbH" in Siegsdorf, abschließend ergänzte. Er hält die Forderung der IG Metall für "kaum machbar" und wolle keine Leute einstellen, deren Vertrag auf nur zwei Jahre befristet sei

Das Fazit überließen die Vertreter der Firmen Anton Kathrein: "Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, müssen wir heute handeln. Entscheidend ist, dass die künftige Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes wieder in den Mittelpunkt stellt. Wir müssen nach Jahren ausgedehnter Sozialpolitik wieder mehr wagen und zu den Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft zurückkehren."  

mb

Quelle: rosenheim24.de

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