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Berater der mudra-Drogenhilfe im Interview

„Und dann kiffen alle?“ - Was Benjamin Löhner auf dem 6. Rosenheimer Suchthilfetag fordert

Sozialarbeiter Benjamin Löhner besuchte am Mittwoch, 16. November, den 6. Rosenheimer Suchthilfetag - unter anderem informiert er über die Herausforderungen einer Cannabisregulierung.
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Sozialarbeiter Benjamin Löhner besuchte am Mittwoch, 16. November, den 6. Rosenheimer Suchthilfetag - unter anderem informierte er über die Herausforderungen einer Cannabisregulierung.

Benjamin Löhner ist Sozialarbeiter und Berater bei der mudra-Drogenhilfe. Jetzt hat er einen Vortrag in Rosenheim gehalten und über die Herausforderungen der kommenden Cannabisregulierung aufgeklärt.

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, dass die erste Herausforderung für die Politik darin besteht, die Zugänge für Hilfsangebote für junge, problematisch konsumierende Menschen weiterdenken zu müssen. Wie kommen Sie dazu?

Benjamin Löhner: In Deutschland haben wir ein sehr gutes Hilfesystem. Es gibt viele verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Beratungsstellen oder Behandlungsangeboten. Ein großes Problem ist aber, dass gerade junge Menschen mit problematischem Cannabiskonsum viel zu spät in diesen Hilfen ankommen.

Woran liegt es Ihrer Meinung, dass junge Menschen meistens zu spät erreicht werden?

Löhner: Das hat unterschiedliche Gründe. Unter den aktuellen Bedingungen des Cannabisverbots ist beispielsweise der Konsum stigmatisiert und er wird deshalb häufig tabuisiert. Junge Menschen trauen sich oft viel zu spät, mit Eltern oder mit Lehrern über ihre Cannabisprobleme zu reden oder ein Hilfsangebot wahrzunehmen.

Eine Forderung von Ihnen ist also neue Zugänge zu schaffen?

Löhner: Ich sehe da verschiedene Möglichkeiten. Ein großes Potenzial liegt in Beratungsangeboten, die die Eltern mit einbeziehen. Wir wissen, dass gerade über die Familien junge Menschen mit einem problematischen Konsum viel früher erreicht werden können und das ihnen auch besser geholfen wird.

Gibt es noch weitere Zugänge?

Löhner: Eine zweite Möglichkeit sehe ich in Online-Zugängen. Gerade in virtuellen Räume halten sich junge Menschen oft auf und auch dort spielt das Thema Cannabiskonsum eine wichtige Rolle. Wir schaffen es in der Drogenhilfe noch nicht ideal, unsere Angebote in diesen virtuellen Räumen zu platzieren. Wir müssen da noch besser werden.

Jüngere Menschen werde vor allem von Pflichtkontexten abgeschreckt: Woran liegt das?

Löhner: Der Erstkontakt zu Hilfsangeboten erfolgt häufig über die Justiz. Junge Menschen werden beispielsweise mit einer geringen Menge Cannabis erwischt und bekommen vom Gericht die Auflage, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Wenn sie das nicht tun, folgen weitere Sanktionen wie zum Beispiel Jugendarrest. Aus diesem Grund werden die Angebote von den Jugendlichen oft nicht als Unterstützung, sondern als Zwang wahrgenommen. Junge Menschen kommen dann dort an und sehen für sich selbst keinen Unterstützungsbedarf. Das kann für den Berater sehr herausfordernd sein.

Die von Ihnen genannte zweite Herausforderung besteht darin, Schnittstellen zu bearbeiten. Was fordern Sie, was sich hierbei endlich ändern muss?

Löhner: Eine gute Sache ist, dass junge Menschen mit problematischen Cannabiskonsum oft schon an unterschiedlichen Stellen angebunden sind. Zum Beispiel in Schulen, Jugendzentren oder auch in stationären Jugendeinrichtungen. Das Problem in Deutschland ist aktuell jedoch, dass häufig das Thema Cannabiskonsum als Aufgabe der Drogenhilfe angesehen wird. Andere Bereiche klammern es häufig aus.

Können Sie das genauer erklären?

Benjamin Löhner: Am Beispiel der stationären Jugendhilfe kann man das gut verdeutlichen. Es ist meiner Erfahrung nach oft so, dass sich die Mitarbeiter mit dem Thema Cannabis sehr unsicher fühlen. Vielen Mitarbeiterinnen fällt es zum Beispiel schwer, gemeinsam mit den Jugendlichen an ihrem Cannabiskonsum zu arbeiten. Meine Forderung ist deshalb, dieses Inseldenken aufzulösen. Cannabis sollte nicht nur in Drogenberatungsstellen zum Thema werden, sondern überall dort, wo sich junge Konsumenten aufhalten.

Welche Regeln brauchen solche Einrichtungen und wie sollten Sie mit Regelverstößen umgehen?

Löhner: Grundsätzlich sollten Einrichtungen, in denen junge Menschen leben oder ihre Zeit verbringen, Regeln bezüglich des Konsums von Alkohol, Tabak und auch anderen Drogen wie Cannabis aufstellen. Natürlich müssen sich die Einrichtungen dann auch überlegen, wie sie mit Regelverstöße umgehen, zum Beispiel wenn Jugendliche in der Einrichtung Cannabis dabei haben.

Hierzwischen muss also die richtige Balance gefunden werden?

Löhner: Es ist ein Spannungsfeld zwischen einerseits klare Konsequenzen aufzuzeigen, andererseits aber auch das Thema produktiv aufzugreifen. Also zum Beispiel mit den Jugendlichen über Cannabis ins Gespräch zu kommen und ihnen möglicherweise Unterstützung anzubieten. Man sollte hier nicht überreagieren, zum Beispiel indem man vorschnell Jugendliche aus einer Einrichtung entlässt. Dieser Balanceakt gelingt nur dann, wenn sich Mitarbeiter schon im Vorfeld damit auseinandersetzen, wie sie bei Regelverstößen am besten reagieren.

Die nächste Herausforderung ist, dass Präventionen und Gesundheitsförderung im Kontext des Cannabiskonsums komplexer gedacht werden müssen. Wie stellen Sie sich das vor?

Löhner: Durch Präventionsangebote soll verhindert werden, dass Menschen ein Problem mit Cannabis bekommen. Hier sehe ich zuallererst ein Potenzial in der geplanten Cannabisregulierung. Durch die Enttabuisierung können junge Menschen offener über ihren Konsum sprechen und das macht Präventionsarbeit deutlich leichter und glaubwürdiger. Wir sollten aber das Thema Prävention und Gesundheitsförderung sehr viel größer denken, als nur bezogen auf den Cannabiskonsum.

Wie viel größer müssen wir das Thema denken?

Löhner: Wir wissen aus der Forschung sehr gut, das Problemen mit Alkohol oder Cannabis, bestimmten psychischen Erkrankungen oder beispielsweise auch Gewalt oft ähnliche Bedingungsfaktoren zugrunde liegen. Gute Prävention möchte genau diese Risikofaktoren verringern und gleichzeitig Schutzfaktoren fördern, die junge Menschen vor Problemen schützen. Sie sollen beispielsweise ihre eigenen Stärken erkunden, mit Stress umgehen lernen oder Ideen für ihre Zukunft entwickeln. Das beeinflusst damit nicht nur ihren Substanzkonsum, sondern zum Beispiel auch ihre psychische Gesundheit.

Und wie sieht dies beim Cannabiskonsum aus?

Löhner: Bezogen auf den Umgang mit Cannabis muss es in der Prävention aber auch um Risikokompetenz gehen. Das umfasst natürlich einerseits die bewusste Entscheidung gegen den Konsum. Entscheiden sich junge Menschen aber dafür, dann müssen wir sie dabei unterstützen, die Risiken im Griff zu behalten.

Die letzte Herausforderung für Politiker besteht für Sie darin, den Genuss als Zielperspektive präventiven Handelns zu etablieren. Was meinen Sie mit Genuss?

Löhner: In dem Eckpunktepapier der Bundesregierung zur Cannabisregulierung wird an ganz vielen Stellen von einem Genusskonsum von Cannabis gesprochen. Ich glaube, wir haben in unserer Gesellschaft schon lange einen Konsens darüber, dass bei Alkohol ein Genusskonsum möglich ist. Bei Cannabis tun wir uns da oft noch schwer, dabei gibt es natürlich auch bei Cannabis einen Genusskonsum.

Wie lässt sich Genuss dann als Zielperspektive begründen?

Löhner: Präventionsangebote sollten auch Genuss als ein Ziel aufgreifen. Aber das Thema Genussfähigkeit betrifft natürlich nicht nur Substanzkonsum, sondern zum Beispiel auch Bereiche wie Ernährung, Sexualität oder Mediennutzung. Ich würde sogar sagen, Genussfähigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für ein zufriedenes Leben. Gleichzeitig sollen junge Menschen aber auch erkennen, wann aus Genuss ein problematisches Verhalten wird. Auch das muss ein wichtiges Ziel von Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung sein.

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