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Wiggerl und das Geschenk

Stundenlang hat es in der Nacht dicke Flocken geschneit. Jetzt geht die Sonne strahlend über einer wunderschönen Winterlandschaft auf. Berge und Wälder sind in frisches Weiß getaucht. Der kleine Wichtel Wiggerl stapft auf einen Hügel und blickt ins Tal hinab.

Dort ganz weit unten sieht er auf die verschneiten Dächer der Stadt Rosenheim. „Uihhh, ist das aber wichtelschön!“, freut sich der kleine Kerl. Viel Zeit hat er aber nicht, um den Ausblick zu genießen. Denn auch vor der Wichtelwerkstatt ein Stück unter einem hohen Berggipfel, wo viele Weihnachtswichtel wichteleifrig die Geschenke für die Kinder basteln, türmt sich sehr, sehr viel Schnee. Den muss Wiggerl jetzt wegschaufeln. Das ist eine schwere Arbeit für einen so kleinen Kerl, aber es macht ihm nichts aus. Zum einen sind Wichtel, von denen nur ganz wenige Menschen überhaupt wissen, dass es sie gibt, von Natur aus sehr fleißige Gesellen. Und zweitens ist der Wiggerl heuer mit besonderem Feuereifer bei der Sache: Denn wenn er fertig ist, darf er für den Rest des Tages runter zu seinem geliebten Rosenheimer Christkindlmarkt. Aber nur ausnahmsweise, weil er zuletzt besonders tüchtig war und die Wichtel schon viel von ihrer Arbeit geschafft haben. Normalerweise dürfen die kleinen Gesellen nicht unter Menschen.

Diesmal muss der Wiggerl also nicht ausreißen, um den besonderen Weihnachtszauber zu genießen! In Windeseile schaufelt der kleine Bursche den Eingang frei und stellt endlich schwer atmend die Schaufel in die Ecke. Gerade kommt eine große Wolke an seinem Kopf vorbeigeschwebt. „Das trifft sich gut!“, freut sich Wiggerl. Er packt den Wolkenzipfel und schwingt sich auf die Wolke, die ihn dank eines kräftigen Windstoßes rasch Richtung Tal bringt. Mit schnellen Schritten saust er weiter über große und kleine Wolken, auf denen er dank seiner großen Füße federleicht laufen kann. „Uihuihuih, das macht Wichtelspaß!“ Der Gedanke an den Geruch von Maroni, Mandeln und Lebkuchen treibt Wiggerl an. Dank seiner großen Ohren, mit denen er viel besser hört als die Menschen, kann er sogar schon die Stimmen der Leute vom Christkindlmarkt verstehen.

Auf dem Markt angekommen, läuft Wiggerl zuerst zum Kinderkarussell, wo er das Pferdchen besucht. „Hallo, wie geht es Dir?“, will Wiggerl schon von Weitem rufen, doch er besinnt sich gerade noch. Sonst könnte ihn ja jemand entde- cken. Menschen können Wichtel zwar nicht sehen, weil sie durch ihre roten Wichtelmützen unsichtbar sind, aber hören können sie sie schon. Also läuft er zum Pferd, springt auf seinen Rücken und flüstert ihm ganz leise ins Ohr: „Hallo, ich bin’s, der Wiggerl!“ „Ja, Wiggerl, grüß Dich“, antwortet das Pferd voller Freude. „Wie geht’s Dir?“ „Gut“, sagt der Wichtel, „wichtelmäßig gut. Und Dir?“ „Ach ja, immer dasselbe. Immer rundherum im Kreis. Ein wenig Abwechslung wär’ mal schön“, seufzt das Pferdchen. Abwechslung, grübelt Wiggerl, aber wie? Da hat er eine Idee. Der Wichtel huscht wichtelschnell in den Stand, in dem ein junger Mann das Karussell bedient. Ohne dass der es merkt, dreht Wiggerl an einem Schalter. Der Mann startet die Fahrt - und das Karussell fährt plötzlich rückwärts! Wiggerl springt - uihuihuih! - auf das sich drehende Karussell und setzt sich auf das Pferdchen. Die rasante Rückwärtsfahrt macht beiden mächtig viel Wichtelspaß! Auch die anderen Kinder juchzen vor Freude.

In der Zwischenzeit versucht der junge Bursche hektisch, die Fahrtrichtung zu ändern. Einige Eltern fangen schon an zu schimpfen. Er dreht hektisch an allen Knöpfen. Vergeblich, denn das Karussell fährt jetzt sogar noch schneller! „Oh mein Gott, was mach’ ich denn bloß?“ Der junge Mann rauft sich verzweifelt die Haare. Wiggerl muss sich ganz fest halten, damit er nicht aus seinem Auto herauspurzelt. Plötzlich passiert das Unheil: Der Fahrtwind weht ihm seine Wichtelmütze vom Kopf! Sie fliegt in hohem Bogen durch die Luft und geradewegs einem Mann vor die Füße. „Uihuihuih, jetzt können mich alle sehen!“ Wiggerl gerät in Panik. Anstatt sich zu verstecken, springt er zu dem Mann, um schnell wieder an seine Mütze zu kommen. „Ja, wen haben wir denn da?“, tönt eine tiefe Stimme. „Uihuih, jetzt hat er mich entdeckt! Was für eine Wichtelkatastrophe!“

Wiggerl fürchtet sich sehr. Zusammengekauert bleibt er am Boden sitzen und traut sich nicht aufzuschauen.

„Du machst vielleicht Sachen“, hört er die tiefe Stimme wieder sagen. Wiggerl zögert kurz, dann merkt er erleichtert: Es ist sein Freund, der Glühweinverkäufer Gustav! Der streift ihm rasch seine Wichtelmütze über den Kopf. Wiggerl blickt sich um. Außer Gustav scheint ihn niemand gesehen zu haben. „Ich habe mir schon gedacht, dass ich Dich beim Karussell treffe“, raunt der Glühweinverkäufer so leise, dass nur Wiggerl ihn hören kann. „Wie gut, dass ich im richtigen Moment da war.“ „Ja“, wispert Wiggerl erleichtert. „Ich hab’ solche Angst gehabt. Aber wenn ich gewusst hätte, dass der Fahrtwind...“ „Ach Wiggerl, Wiggerl...”, sagt Gustav milde und lächelt.

Währenddessen ist es dem jungen Mann gelungen, das Karussell zu stoppen. Die kleinen Fahrgäste protestieren lautstark, denn sie können von der rasanten Rückwärtsfahrt gar nicht genug kriegen. Wiggerl setzt sich auf Gustavs Schultern. Das ist gar nicht so leicht, weil sein Freund so eine dicke Jacke trägt. Zum Abschied zwinkert er noch dem Pferdchen zu, das sich über die Abwechslung sehr gefreut hat. An seinem Glühweinstand spendiert Gustav dem Wiggerl auf den Schreck erstmal einen leckeren heißen Kinderpunsch. „Hmmm, der ist gut“, schwärmt der Wichtel. „Es ist sooo schön auf dem Christkindlmarkt. Darauf freue ich mich immer das ganze Jahr.“ „Und auf Weihnachten?“, fragt Gustav. „Ja, auch auf Weihnachten“, entgegnet Wiggerl. „Eins würde mich interessieren: Was schenken sich Wichtel eigentlich zum Weihnachtsfest? Habe ich Dich das schon jemals gefragt?“ „Nein“, antwortet Wiggerl. „Wichtel basteln die vielen Weihnachtsgeschenke für die lieben Kinder, die der Nikolaus und das Christkind dann verteilen, aber wir bekommen nichts.“ „Das ist aber schade“, meint Gustav. „Ja“, seufzt der kleine Kerl. „Ziemlich wichtelschade.“ „So was Ähnliches habe ich mir fast schon gedacht“, sagt Gustav. „Deshalb möchte ich Dir nun ein Geschenk machen. Schließlich hast Du mir schon so viel geholfen. Schau, dieses Packerl ist nur für Dich.“ Er greift in eine Stofftasche, die am Boden liegt, und überreicht Wiggerl sein Geschenk. Es ist eingepackt in glänzendes blaues Papier mit vielen bunten Sternen darauf und einer großen roten Schleife rundherum. Und auf einem kleinen Anhänger steht: „Für meinen Freund Wiggerl“. „Uihuih, ist das wirklich für mich?“, fragt Wiggerl mit glänzenden Augen und nimmt seine Mütze ab, damit er wieder sichtbar wird. „Aber natürlich“, sagt Gustav. „Mach’s ruhig gleich auf.“

Aufgeregt und mit zitternden Fingern versucht Wiggerl, das Packerl zu öffnen. Was da wohl drin sein mag? Vorsichtig zupft der Wichtel am Klebestreifen, weil er das schöne Papier nicht kaputt machen will. Schließlich ist es ja das erste Geschenk in seinem Wichtelleben! „Soll ich Dir helfen, Wiggerl?“, fragt Gustav mit einem Lächeln. „Ja, bitte, bitte!“ Der Wichtel kann es kaum noch erwarten. Gustav öffnet das Papier. Zum Vorschein kommt eine kleine rote Schachtel, in der eine glänzende silberne Rose mit einer Anstecknadel liegt! Wiggerl hüpft vor Freude in die Luft. Denn als Naturgeister lieben Wichtel Pflanzen über alles, und Rosen sind für sie etwas ganz Besonderes, weil sie ja nur in Gärten vorkommen und nicht im Bergwald, wo die Wichtel leben. Wiggerl ist von seinem Geschenk ganz begeistert. Gustav steckt das Schmuckstück vorsichtig am blauen Kittel des Wichtels an. Wenn Wiggerl den Kopf senkt und den Stoff etwas vom Körper hält, kann er die schöne Rose bewundern – und verlieren kann er sie auch nicht. Der kleine Kerl ist ganz wichtelselig. Überglücklich schlendert er wieder unsichtbar durch die Gassen, freut sich am Duft der Maroni, schnuppert am Lebkuchenstand und stibitzt sich beim Plätzchenstand der alten Burgi ein Vanillekipferl. Als Gegenleistung räumt Wiggerl vom Dach ihres Stands unauffällig den Schnee weg, der einer Kundin fast in den Kragen fällt.

So bummelt der Wichtel über seinen geliebten Christkindlmarkt und freut sich über die beschauliche Weihnachtsstimmung. Doch was ist das? Wiggerl hört mit seinen superfeinen großen Ohren ein leises Schniefen und Schluchzen, ganz in der Nähe. Er folgt den Geräuschen und sieht auf einmal einen kleinen Buben, der mit Tränen in den Augen am Rande des Marktes auf einer Treppe sitzt. Der Wichtel kommt verwundert näher. „Warum weinst Du denn?“, fragt er den Buben. Der zuckt erschreckt zusammen und fragt zurück: „Wer ist da?“ „Na ich, der Wiggerl! Ich bin ein kleiner Wichtel. Du brauchst keine Angst haben.“ Wiggerl zieht seine Mütze herunter, damit der Bub ihn sehen kann. „Sag, warum weinst Du an einem so schönen Tag?“ „Ich bin traurig, weil ich meiner Mama kein Weihnachtsgeschenk kaufen kann“, antwortet der Bub. Dicke Tränen laufen über seine Wangen. „Wir haben kein Geld. Mein Papa ist fort. Meine Mama muss den ganzen Tag arbeiten, damit wir die Miete zahlen können und mein Bruder und ich genug zu essen haben. Da wollte ich ihr eine Freude machen, weil sie’s so schwer hat.“ Nun ist auch der Wiggerl ganz traurig. Der arme Bub! Wenn er ihn doch nur trösten könnte. „Wie heißt Du denn?“, fragt Wiggerl den Buben. „Ich bin der Franzl. Weißt Du, am liebsten würde ich meiner Mama etwas schenken, was sie immer bei sich tragen kann, vielleicht ein kleines Schmuckstück. Das wär’ schön. Aber ich hab’ doch bloß zwei Euro.“ Schmuckstück? Wiggerl kommt plötzlich eine wichtelgute Idee. Er öffnet mit seinen kleinen Fingern vorsichtig die Nadel seines Ansteckers und nimmt ihn ab. „Schau mal, Franzl. Meinst Du, dass diese Rose Deiner Mama gefällt?“ „Die ist aber schön!“ Franzl hüpft begeistert auf. „Ganz sicher würde ihr die gefallen!“ „Dann schenk ich sie Dir, damit Du sie Deiner Mama schenken kannst.“ „Im Ernst? Das ist ja super! Vielen, vielen Dank, lieber Wiggerl! Das wird das schönste Weihnachten, seit ich Weihnachten kenne!“ Jetzt muss Wiggerl seinem Freund Gustav beichten, dass er die Rose nicht mehr hat. Wie wird er wohl reagieren? Dem Wichtel ist etwas mulmig zumute. Wieder am Glühweinstand angekommen, muss Wiggerl warten, bis gerade mal keine Glühweinkunden da sind. Dann zieht er die Mütze vom Kopf, damit Gustav ihn sehen kann, und fragt: „Kann ich bitte einen Kinderpunsch haben?“ Gustav füllt einen Schluck in eine kleine Tasse, doch als er sie Wiggerl reichen will, stutzt er. Irgendetwas stimmt nicht. Nur was? Da fällt es Gustav auf und er fragt: „Ja, Wiggerl, wo in aller Welt ist denn die Rose, die ich Dir geschenkt habe? Hast Du sie etwa verloren?“ „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Wiggerl nippt vorsichtig an dem heißen Punsch und erzählt. Als er fertig ist, bittet er Gustav: „Du darfst nicht böse sein, dass ich Dein Geschenk weitergegeben habe. Die kleine Rose hat mir sehr, sehr gut gefallen. Aber der kleine Franzl hat sich so gefreut, dass er seiner Mutter eine Freude machen kann. Und das hat mich noch mehr gefreut als mein erstes Weihnachtsgeschenk.“ „Ach, Wiggerl“, meint der Gustav. „Du bist schon ein selten guter Kerl. Wie kann ich Dir böse sein? Weißt Du, das Schönste an Weihnachten ist ja nicht, selbst viele Geschenke zu bekommen, sondern anderen eine Freude zu machen. Zu sehen, wie sich jemand freut - das ist das größte Geschenk. Und das freut mich auch sehr.“

„Ja“, seufzt der Wiggerl ganz erleichtert. „Jetzt wird es ein ganz besonders schönes Weihnachten.“ Der Wichtel schaut wichtelselig über seinen geliebten Christkindlmarkt. Es ist Abend geworden und im warmen Licht der Laternen beginnt es leise zu schneien ...

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