Entführen und misshandeln: Chinas Kopfgeldjäger

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Männer in chinesischem Gefängnis (Archivbild) 

Peking - Es sind moderne Kopfgeldjäger: In China leben Sicherheitsfirmen davon, Menschen zu entführen und in geheimen Gefängnissen zu sperren. Ihre Auftraggeber sind offizielle Stellen.

“Sie sind unmenschlich“, berichtete eine 46-jährige Bittstellerin aus der ostchinesischen Provinz Jiangsu über ihre Entführer, die sie auf offener Straße in Peking aufgegriffen hatten. “Ihr Auto fuhr vor und zwei Kerle zerrten mich an den Haaren und verfrachteten mich ins Fahrzeug. Meine Hände wurden gefesselt. Ich konnte mich nicht bewegen.“ Mehr als einen Monat verbrachte die Frau in einem sogenannten “schwarzen Gefängnis“ in der Hauptstadt, bevor sie in ihre Heimatprovinz zurücktransportiert wurde. Bei der Ankunft in Jiangsu “brachten sie mich in einen Raum, wo mich zwei Frauen auszogen ... Sie schlugen mir auf den Kopf, traten mich mit den Füßen“.

Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben viele solcher Fälle von illegaler Inhaftierung, Missbrauch, Folter und Vernachlässigung dokumentiert. Die Häscher fangen systematisch Beschwerdeführer ab, bevor sie an Petitionsstellen der Zentralregierung ihre Klagen gegen Machtmissbrauch auf lokaler Ebene oder andere Ungerechtigkeiten vorbringen können. Das System, die Klagen der Bürger zu hören, geht zurück bis in die Qing-Dynastie (1644-1911) und ist bis heute im chinesischen Recht festgeschrieben. Um nicht ins schlechte Licht zu geraten, bemühen sich aber lokale Funktionäre, die Bittsteller gar nicht erst dazu kommen zu lassen.

“Schwarze Gefängnisse“ oder “Heiyu“, wie sie auf Chinesisch genannt werden, und zwielichtige Sicherheitsfirmen sind nicht nur Symptom eines zutiefst repressiven kommunistischen Systems, sondern auch ein großes Geschäft: Zwischen 100 bis 300 Yuan, umgerechnet 11 bis 33 Euro, pro Hafttag zahlen die Behörden für jeden Bittsteller, der zum Schweigen gebracht und zurücktransportiert wurde. Millionen werden umgesetzt. Manch einer landet daheim in Umerziehungslagern oder wird vor Gericht gestellt. Die Polizei in Peking und in den Provinzen arbeitet Hand in Hand und duldet angeheuerte Schläger von Unternehmen wie Anyuanding, gegen die jetzt erstmals ermittelt wird.

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Es wird gerätselt, ob die Enthüllungen ein konzertiertes Vorgehen gegen diese “graue Industrie“ andeuten. “Es könnte durchaus sein, dass die nationale Führung entschlossen ist, die schwarzen Gefängnisse aufzulösen, die sowohl in China als auch außerhalb das Ansehen schädigen“, sagte der Rechtsexperte Joshua Rosenzweig von der amerikanischen Dui Hua-Stiftung, die sich um politische Häftlinge in China kümmert. “Sie können argumentieren, dass das Problem ein geheimes Einverständnis zwischen verdorbenen Lokalfunktionären und skrupellosen Agenten wie Anyuanding ist“, sagte Rosenzweig. “Das Kernproblem ist aber das hohe Gewicht, das von der höchsten Führung bis zu den untersten Ebenen auf die Vorgaben “Stabilität über alles“ und eine “harmonische Gesellschaft“ gelegt wird.“

Bisher hat die chinesische Regierung die Existenz “schwarzer Gefängnisses“ grundsätzlich geleugnet. “So etwas existiert in China nicht“, lautete die Standardantwort, obwohl sie gemeinhin bekannt sind - und sei es beschönigend nur als “Auffangzentren für Bittsteller“. Eine der berüchtigten Einrichtungen liegt im Vorort Majialou im Süden der Hauptstadt. Eine Beschwerdeführerin aus Jilin, die wegen eines Wohnungsstreits in Peking ihr Recht suchen wollte, berichtete der Nachrichtenagentur dpa: “Sie haben Räume für jede Provinz, wo man auf die örtliche Polizei wartet, die einen abholt.“ Die Räume seien überfüllt. Es gebe nur Stühle, nicht einmal Betten. “Wenn du nicht mitgehst, schlagen sie dich.“

dpa

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