Japans Regierung plant verzweifelte Notmaßnahmen

Tokio - Japan bekommt die Strahlen-Lecks in Fukushima nicht in den Griff. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA rät zur Räumung eines Ortes in der Nähe des zerstörten Atomkraftwerks.

Es ist die schiere Verzweiflung im Kampf gegen die Strahlen-Lecks in Fukushima: Japans Regierung will die verstrahlten Trümmer mit Kunstharz besprühen lassen, um die Radioaktivität einzudämmen. Dabei soll ein ferngesteuertes Fahrzeug zum Einsatz kommen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch meldete. Zugleich wurde die Kritik an der Evakuierungspraxis der Regierung in Tokio lauter. Umweltschützer von Greenpeace forderten nach eigenen Strahlenmessungen dringend eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um Fukushima von derzeit 20 auf 40 Kilometer.

Wegen der hohen Strahlenwerte im 40 Kilometer von Fukushima entfernten Iitate rät die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zur Räumung der 7000-Einwohner-Stadt. “Eine erste Beurteilung deutet darauf hin, dass eine der IAEA-Kriterien für die Evakuierung überschritten wurde“, sagte IAEA-Experte Denis Flory in Wien. “Man sollte sich das mit der Evakuierung wirklich überlegen“, sagte ein hochrangiger IAEA-Beamter. Das Verhalten der japanischen Behörden werde IAEA-intern eher als zögerlich bewertet, hieß es aus Kreisen.

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Zuvor hatte bereits Greenpeace von einer hohen Belastung in dem Ort berichtet. Man habe Japan geraten, sich die Situation dort genau anzusehen, sagte Flory. Die IAEA hat in Fragen der Sicherheit kaum Kompetenzen und kann nur Ratschläge geben, aber nichts anordnen.

Die EU-Kommission wies am Mittwoch Berichte zurück, nach denen über eine Eilverordnung Strahlengrenzwerte für Lebensmittel aus Japan erhöht wurden. “Wir haben überhaupt nichts erhöht“, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Brüssel. Am Wochenende seien lediglich Regelungen in Kraft getreten, auf die man sich bereits 1987 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl geeinigt habe. Ziel der Verordnung sei es, die Kontrollen nach dem Unglück von Fukushima zu verschärfen.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch und das Umweltinstitut München hatten zuvor kritisiert, dass Nahrungsmittel seit dem Wochenende deutlich höher radioaktiv belastet sein dürfen als im Normalfall. Sie gehen davon aus, dass vor der Eilverordnung eine andere Verordnung mit niedrigeren Grenzwerten galt. Dies verneint die Europäische Kommission allerdings. Demnach gibt es zwar eine andere Verordnung mit alten, niedrigeren Grenzwerten. Diese gelte allerdings nur für Lebensmittel, die in Folge von Tschernobyl verstrahlt wurden.

Fukushima: Das AKW, vor dem die Welt zittert

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Foodwatch und das Umweltinstitut München fordern einen Importstopp für Lebensmittel aus Japan. Es gebe in Europa zwar derzeit keinen Anlass zur Sorge über hochbelastete Produkte aus Japan, dennoch dürften Radioaktivitäts-Grenzwerte für japanische Lebensmittel nicht erhöht werden, hatte Foodwatch-Chef Thilo Bode am Dienstag gesagt.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner sieht derzeit keinen Grund für ein Importverbot für Lebens- und Futtermittel aus Japan. In Deutschland sei bei den Kontrollen bisher keine Strahlung gemessen worden, sagte die CSU-Politikerin bei einem Besuch bei Strahlen-Kontrolleuren am Frankfurter Flughafen. Sollte sich das ändern, schloss Aigner ein Importverbot allerdings nicht aus.

Seit dem 26. März dürfen Lebens- und Futtermittel aus Japan nur noch mit einem Zertifikat importiert werden, das die Überprüfung auf Radioaktivität bescheinigt. Eine neue EU-Richtlinie schreibt eine zweite Kontrolle am Flughafen des Importlandes vor. “Wir arbeiten hier mit Netz und doppeltem Boden“, sagte Aigner. Die EU-Regelung gilt nur für Flughäfen, die Direktflüge aus Japan erreichen.

Kanzlerin telefoniert mit Japans Regierungschef

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in einem Telefonat mit Japans Ministerpräsident Naoto Kan Hilfe bei der Bewältigung der Krise zu. Kan habe Merkel zudem versichert, dass Japan die internationale Gemeinschaft weiter umfassend über das Krisenkraftwerk Fukushima unterrichten werde, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldet. Nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter prüfe die japanische Regierung derzeit ein deutsches Angebot für den Einsatz von Spezialrobotern.

Unterdessen traf die Chefin des französischen Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, mit fünf Experten in Japan ein, um in der Atomkrise zu helfen. “Sie sind auf die Behandlung radioaktiven Abwassers spezialisiert“, sagte eine Unternehmenssprecherin in Paris. Ob die Franzosen auch direkt zu dem beschädigten AKW in Fukushima fahren werden, stehe noch nicht fest.

Regierung und Atomexperten in Japan diskutierten weiter “jede Möglichkeit“, um das havarierte Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Der Hintergrund: An der Küste bei Fukushima wurde der gesetzliche Grenzwert an radioaktivem Jod-131 um das 3355-Fache überschritten. Der Wind drehte am Mittwoch in Richtung Tokio. Mit ihm könnten radioaktive Partikel den Ballungsraum mit 35 Millionen Bewohnern für einige Stunden erreichen.

AKW wird ab Donnerstag mit Kunstharz besprüht

Das Besprühen der Fukushima-Trümmer mit wasserlöslichem Kunstharz soll Donnerstag beginnen. Die Harzschicht könnte verhindern, dass der Küstenwind radioaktiv belasteten Staub fortträgt. Die Regierung überlegt außerdem, die Reaktoren mit Spezialgewebe abzudecken. Um was für ein Gewebe es sich handeln könnte, sagte Edano nicht. Als dritte Notmaßnahme ist im Gespräch, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in ein Tankschiff auf dem Meer zu pumpen.

In Fukushima drohen bei einem neuerlichen Ausfall der Kühlung nach wie vor Kernschmelzen. Der Stromkonzern Tepco räumte am Mittwoch ein, dass diese vier Blöcke nach wie vor nicht unter Kontrolle sind. Vorstandschef Tsunehisa Katsumata sagte in Tokio, der Konzern habe noch kein genaues Konzept zur Bewältigung des Atomunfalls.

Während die Arbeiter in Fukushima gegen die Kernschmelze kämpfen, ist der seit mehr als zwei Wochen aus der Öffentlichkeit verschwundene Tepco-Präsident Masataka Shimizu nun arbeitsunfähig und liegt in einer Klinik. Nach Angaben von Kyodo litt er an Schwindel und Bluthochdruck. In Japan gab es zuvor Gerüchte, dass er sich wegen der Katastrophe das Leben genommen haben könnte oder geflohen sei.

Die japanische Regierung will alle sechs Reaktoren in Fukushima Eins nie mehr ans Netz gehen lassen. “Das ist sehr klar, wenn man an die gesellschaftlichen Umstände denkt“, sagte Regierungssprecher Edano laut einer Kyodo-Meldung. Der Atomkonzern Tepco schloss dagegen nicht aus, dass die zwei noch funktionstüchtigen Reaktoren 5 und 6 wieder in Betrieb gehen könnten. Tepco will zunächst nur die irreparabel beschädigten Blöcke 1 bis 4 dauerhaft stilllegen.

dpa

Rubriklistenbild: © AP

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