Nature Morte: Stillleben in der zeitgenössischen Kunst

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Die Künstlerin Livia Marin sammelt für ihre Stillleben aus der Serie 'Broken Things' zerbrochenes Altagsgeschirr und verleiht ihm eine neue Ganzheit.

Fragile Blütenskulpturen, Fotografien prächtiger Blumensträuße, Installationen mit präparierten Tieren – zeitgenössische Stillleben bedienen sich neuer Kunstformen. Der opulente Bildband „Nature Morte: Stillleben in der zeitgenössischen Kunst“ aus dem Hirmer Verlag gibt einen umfassenden Überblick.

Leblose Dinge auf einer ebenen Fläche: Das ist die klassische Form des Stilllebens. Diese Kunstart war vor allem in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts beliebt und wurde zu der Zeit als eigene Gattung populär. Schon damals erinnerten die Kunstwerke an die Vergänglichkeit und mahnten den Betrachter: Memento mori – Bedenke, dass Du sterblich bist. Diese Botschaft verbindet die alten Werke mit den Stillleben der zeitgenössischen Kunst.

Neue Materialien und Medien erobern das Stillleben

Die Amerikanerin Sharon Core stellt Stillleben vergangener Jahrhunderte nach und fotografiert sie. Jede Blüte, jeder Tautropfen und jeder Schatten erinnert an das Original. Jim Hodges fügt Blumen, Schmetterlinge und Spinnennetze zu fragilen Skulpturen zusammen. Diese faszinierenden Kompositionen zeigt der Katalog „Nature Morte: Stillleben in der zeitgenössischen Kunst“, der im Hirmer Verlag erschienen ist.

Der Bildband präsentiert aber auch Skulpturen und Installationen mit ausgeprägtem morbidem Charakter. In der Skulptur „Self“ setzt sich der englische Künstler Marc Quinn mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander. Er fertigte einen Abguss seines Kopfes, füllte ihn mit Blut und fror ihn ein. Tiefkühlaggregate hindern das Selbstporträt am Schmelzen. Auch die Künstlerin Nancy Fouts erinnert mit ihren Arbeiten an die tote Natur, die „Nature Morte“. Allerdings verleiht sie ihr eine neue Lebendigkeit. Dafür drehte sie einem toten Hasen die Löffel mit blauen Lockenwicklern ein und fixierte sie mit Haarnadeln.

Der Tod lauert außerhalb des Bilderrahmens

Zeitgenössische Künstler nähern sich dem Stillleben mit Raum- und Videoinstallationen, Skulpturen, digitalen Fotografien aber auch Acryl- und Ölgemälden an. Jede moderne Technik und jedes Medium ist erlaubt, solange die Sterblichkeit deutlich wird. In den abgebildeten Werken ist sie nicht immer auf Anhieb sichtbar. Laut Herausgeber Michael Petry ahnt der Betrachter aber, dass der Tod jederzeit hinter der nächsten Straßenecke, hinter der nächsten Wegbiegung oder einfach nur ein kleines Stück außerhalb des Bilderrahmens lauert.

Alle Facetten des Stilllebens in einem Buch

Der Prachtband „Nature Morte: Stillleben in der zeitgenössischen Kunst“ vermittelt dem Leser eindrucksvoll, wie vielfältig und brandaktuell diese Kunstform heute ist. Um das zu zeigen, erläutert Petry mehr als 200 Werke zeitgenössischer, international anerkannter Künstler.

Jedes der fünf Kapitel Flora, Essen, Haus & Heim, Fauna und Tod leitet der Herausgeber mit einem packenden Zitat ein und gibt jeweils einen kurzen geschichtlichen Abriss über das Thema. Ganzseitige Abbildungen und eine Klapptafel illustrieren die Kapitel. Der Betrachter bleibt immer wieder fasziniert an den teils absurden, teils anmutigen Darstellungen hängen und vertieft sich in die Details. Eine ebenso reich bebilderte Einleitung über die Geschichte der Gattung erklärt alle Facetten des Stilllebens – von den altägyptischen Grabkammern bis in die Gegenwart.

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