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Zwischen Halluzinationen und vielversprechenden Studien

Wundermittel gegen Covid-19? Die Wahrheit über das Wurmmittel Ivermectin

Eine Apothekerin in Südamerika stellt Ivermectin-Kapseln auf die Theke.
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Eine Apothekerin in Südamerika stellt Ivermectin-Kapseln auf die Theke.

Was steckt hinter Ivermectin, der vermeintlichen Wunderwaffe gegen Covid-19? Der Arzneistoff wird eigentlich Tieren – besonders Pferden – verabreicht, die von Würmern befallen sind. Aktuell wird er aber von immer mehr Menschen zur vermeintlichen Behandlung von Covid-19 eingesetzt. Auch wenn es vermeintlich wissenschaftliche Studien mit der Behauptung, Ivermectin sei ein effektives Mittel, gibt, kann das fatale Folgen haben.

Österreich - Spätestens seit der Schlagzeile „Ivermectin in Oberösterreich ausverkauft“ ist das Antiwurmmittel vielen ein Begriff. In Österreich, wo etwa Politiker der rechtspopulistischen FPÖ Ivermectin immer wieder anpreisen, wurde zeitweise von einem Run auf Apotheken berichtet. FPÖ-Chef Herbert Kickl sprach sogar von einem „Plan B im Kampf gegen Corona“ und einer Alternative zu „Impfvergewaltigungen“.

Seit Monaten war das Interesse an dem Arzneimittel zur Behandlung beim Menschen gewachsen. Der Hype hält in bestimmten Foren und Kanälen bis heute an. Genutzt wird das Mittel regulär zur Bekämpfung von Würmern bei Tieren. Zudem wird es in geringeren Dosen beim Menschen etwa bei bestimmten Krankheiten, wie dem Befall von Fadenwürmern und Krätzemilben, eingesetzt.

Ivermectin effektives Mittel gegen Covid-19?

Doch ist Ivermectin wirklich ein effektives Mittel gegen Covid-19? Vor allem Impfgegner aus den USA schwören auf die Medizin, die Tieren bei Parasitenbefall in Form von Injektionen oder Pasten zur Behandlung verabreicht wird. Vorab muss gesagt werden, dass sich die hochkonzentrierten Dosen für große und schwere Lebewesen wie Kühe oder Pferde stark von denen, die für Menschen gedacht sind, unterscheiden. Für diese sind in ganz bestimmten Dosierungen Ivermectin-Tabletten zur Behandlung einiger parasitärer Würmer oder Hautkrankheiten wie Rosazea zugelassen. Nicht aber für die Behandlung von Covid-19. Hierfür ist das Medikament weder zugelassen noch sehen Experten eindeutige Effekte.

Bevor sich das Präparat in Österreich großer Beliebtheit erfreuen konnte, sprach man in einigen Kreisen in den USA schon von einem „Wundermittel“. Dass Ende August Experten der US-Gesundheitsbehörde CDC auf immer mehr Anrufe bei Giftnotrufzentralen nach der Einnahme von Ivermectin hinwiesen, wussten viele Impfverweigerer zu ignorieren - insgesamt hätten sich die Anrufe verdreifacht. Der Behörde zufolge gibt es Daten, wonach die Zahl der Verschreibungen in US-Einzelhandelsapotheken von im Schnitt 3900 pro Woche vor Beginn der Pandemie auf knapp 90.000 Mitte August anstieg.

Verschiedene Studien untersuchen Wirksamkeit

Angefeuert wird der Hype vor allem von unseriösen Seiten im Internet, die zuweilen auf vermeintlich vielversprechende Studienergebnisse im Zusammenhang mit Ivermectin verweisen. Vor allem positive Ergebnisse kleinerer Studien veranlassen Lobbygruppen dazu, den Einsatz als Covid-Medikament zu fordern. Ja: Es stimmt, dass es einzelne Erhebungen gibt, die einen angeblichen Nutzen zeigen. Dabei muss man die einzelnen Untersuchungen aber genauer betrachten.

Zum Beispiel hieß es im Juni etwa von der Universität Oxford, Ivermectin habe in kleinen Laborstudien vielversprechende Ergebnisse erzielt. Eine frühe Verabreichung reduziere die Viruslast und die Dauer der Symptome bei einigen Patienten mit leichter Erkrankung, so die damalige Annahme. Doch seinerzeit wurde bereits eingeschränkt: Da es nur wenige Belege aus kontrollierten Studien gebe, solle Ivermectin in eine großangelegte Erhebung einbezogen werden, um Aussagekraft zu erhalten. Soll heißen: Beweiskraft eher überschaubar.

Im Dezember 2020 sorgte eine auf der Plattform „Research Square“ publizierte Analyse einer Vorabstudie einer Arbeitsgruppe aus Ägypten für Wirbel. Die Autoren behaupteten, dass Ivermectin das Sterberisiko von Covid-19-Patienten um bis zu 90 Prozent senken könne. Wenig später deckten Forscher, die wissenschaftliche Veröffentlichungen auf Fehler prüfen, auf, dass Patientendaten manipuliert waren und Ergebnisse einfach aus anderen Studien abgeschrieben wurden. Am 14. Juli zog der Preprint-Server Research Square das Papier aus „ethischen Bedenken“ zurück. Auch in einer zweiten Studie, die eine Wirkung von Ivermectin gegen Covid-19 belegen sollte, gab es später grobe Mängel, die die Aussage der Studie verfälschen.

Bereits im Frühjahr wies eine allererste australische Laborstudie darauf hin, dass Ivermectin in Zellkulturen die Sars-CoV-2-Vermehrung hemmen könnte. Doch Forscher etwa der Donau-Universität im österreichischen Krems ordneten die Ergebnisse ein: „Die dabei verwendete Dosis lag jedoch weit über jener, die für Menschen als unbedenklich gilt.“ Auch die Uniklinik Würzburg spricht dem Medikament, nach Durchführung einer Studie, die Wirksamkeit zur Verhinderung einer Corona-Infektion ab. Zudem könne es nicht den Zustand von Erkrankten verbessern und die Zahl der Todesfälle reduzieren.

Sogar Hersteller spricht sich gegen Einnahme aus

In Österreich spricht sich mittlerweile sogar der Hersteller MSD (Merck Sharp & Dohme) gegen eine eigenmächtige Einnahme aus: „Es gibt keine aussagekräftige Evidenz für die Anwendung von Ivermectin bei Sars-CoV-2“, teilte das Unternehmen jüngst mit.

Das Robert Koch-Institut (RKI) sieht bisher keinen Hinweis auf eine Wirksamkeit von Ivermectin gegen Covid-19 in Bezug auf die Notwendigkeit künstlicher Sauerstoffzufuhr oder die Sterblichkeit nach einer Corona-Infektion. Dazu verweist die Behörde auf eine übergreifende Analyse von 14 klinischen Studien vom Juli 2021.

Genauso empfiehlt die europäische Arzneimittelagentur EMA eine Ivermectin-Anwendung nur im Rahmen klinischer Untersuchungen. Sie schreibt im März über uneinheitliche Studien-Ergebnisse: Einige hätten keinen Nutzen gezeigt, andere einen möglichen. „Die meisten von der EMA geprüften Studien waren klein und wiesen zusätzliche Einschränkungen auf, darunter unterschiedliche Dosierungen und die Verwendung von Begleitmedikamenten“, begründet die EU-Behörde ihre Entscheidung gegen einen Einsatz in der Pandemie.

„Sie sind kein Pferd!“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält ihre Einschätzung vom März weiter aufrecht: „Die Auswirkungen von Ivermectin auf Sterblichkeit, künstliche Beatmung, Hospitalisierung, Dauer des Klinikaufenthalts und Virusbeseitigung bleiben ungewiss, da die Beweise für jedes dieser Ergebnisse sehr unsicher sind“, heißt es im September. Die 16 untersuchten Studien mit insgesamt rund 2400 Teilnehmern zeigten „ein hohes Risiko für Verzerrungen und eine hohe Ungenauigkeit“.

„Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh“, twittert im Spätsommer die US-Arzneimittelbehörde FDA. „Im Ernst, Leute, hört auf damit.“ Alle Experten sind sich zudem einig, bei falscher Dosierung kann Ivermectin hochgiftig sein. Laut einem Bericht der „ZiB 1“ lag eine Oststeirerin aufgrund einer Überdosis Ivermectin auf der Intensivstation.

Erschreckende Nebenwirkungen

Nach Angaben auf dem Beipackzettel kann die Verwendung des Medikaments zu Lebererkrankungen, Blut im Urin, Übelkeit, Erbrechen, Zittern, Atembeschwerden, Hodenschmerzen, Gleichgewichtsstörungen oder Krampfanfällen führen. Eine Überdosierung könne zu Koma oder Tod führen, schreiben die Experten der FDA. Weil die Mittel in vielen Fällen viel zu hoch dosiert waren, sei es vielfach zu gefährlichen Überdosierungen gekommen. Die FDA berichtet weiter von Patienten mit Vergiftungen, Zitteranfällen und Halluzinationen. Die Menschen mussten mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden.

Häufig verweisen Ivermectin-Anhänger auch auf Länder wie Indien oder Japan, wo das Mittel angeblich geholfen haben soll, die Pandemie einzudämmen. Dabei hat die Regierung in Neu-Delhi schon längst wieder Abstand von dem Medikament genommen. Auch die Behauptung, Tokio setze mittlerweile anstatt auf die Impfung auf Ivermectin, ist frei erfunden. Auf der Liste der in Japan gegen Corona zugelassenen Arznei taucht das Mittel gar nicht auf.

mz